Richard Gleim

Der Ratinger Hof, Düsseldorf 1981 (Ausschnitt)

Foto: © Richard Gleim


In Kooperation mit dem Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf.


Der fotografische Nachlass Richard Gleims wird im Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf bewahrt. Dort sind Bilder in höherer Auflösung erhältlich. Kontakt: heineinstitut@duesseldorf.de


Auf zur Ausstellung von „ar/gee Gleim“, wie er sich in Punkzeiten nannte, dann aber letztlich Richard, in der „Parkkultur“ in Düsseldorfs Oststraße. Ich kannte ihn als Ritchie. Es war rund zwei Wochen vor seinem letzten, dem 78. Geburtstag. Schön war‘s. Viele der „üblichen Verdächtigen“ kleckerten hinein. Es hat mich so gefreut, dass er in diesen letzten Jahren noch etwas von der verdienten Anerkennung bekam. Und dass er mit Gabi und Markus Luigs Freunde in der Nähe hatte, die sich in jeder Hinsicht um ihn gekümmert haben. Ich wohnte ja schon ganz lange woanders. Markus ́ Porträtserie von ihm war mit das Schönste, was ich seit langem in dem Bereich gesehen habe.

„Der ist an allem schuld“, rief er und zeigte auf mich. Ich weiß nicht, ob andere das kapierten. Vielleicht hat er das diesem oder jener erklärt. Ich wusste es. Es war ein kurzer Bruch mit dem Mythos, den viele sich aus durchaus verständlichen Gründen zulegen. Also: warum?

1977 wohnte ich mit ein paar Freunden in einer WG in Schiefbahn, darunter auch Moritz R und Frank Fenstermacher, später „Der Plan“. Ich musste nach Studiumsabbruch Geld verdienen und hatte bei „Gärtner Pötschke“ angefangen. In der Baumschule. Ich hatte einen Führerschein und konnte einen VW LT fahren, zum Ausliefern der großen Pflanzen. Da war einer, der anders war als die ganzen Leute, die sonst da arbeiteten. Lange krause Haare, Vollbart, oft einen Brasilstumpen zwischen den Zähnen: die meiste Arbeit in der Baumschule spielte sich ja draußen ab. Und einen profunden Bauch im dunkelblauen Hemd, der von seiner Liebe zu Paella und spanischem oder portugiesischem Rotwein Zeugnis ablegte. Und er fuhr einen total verqualmten Citroën GS, wunderbar.

Ich hatte vor anderthalb Jahren angefangen zu fotografieren, machte auch auf der Arbeit Fotos, wir kamen bald ins Gespräch. Irgendwann zeigte er mir ein paar Hefte einer Gärtner-/Blumenzeitschrift, in der er ab und zu Pflanzenporträts in Wort und Bild veröffentlichte. Sein Wissen in seinem Arbeitsbereich und darüber hinaus war immens, ich war tief beeindruckt. Wir erzählten uns über unsere Lebenshintergründe, ich von der WG, er von seinen Fahrten in den Süden, von seinen musikalischen Jahren in den Fünfzigern als Klarinettist. Er hörte Jazz und spielte immer noch sehr gut. Das war ein weiterer Anknüpfungspunkt, sowohl ich als auch andere in der WG, in der er bald mal – und dann durchaus öfter – vorbeischaute, waren Jazzfans. Vor allem Charlie Parker verband uns.

Dann löste sich die WG auf und Moritz, Frank und ich gingen nach Wuppertal und eröffneten eine Galerie, die nach kurzer Zeit „Art Attack“ hieß. Moritz stellte aus, Muscha, der halbe Ratinger Hof kam zu den Vernissagen ... Und Ritchie kam auch gerne mal rein. Wir schauten auch bei ihm in der Heinrichstraße in Düsseldorf im Souterrain vorbei, lernten, wie man eine profunde Riesenpaella macht, wie man aus einer 5-Liter-Flasche Rotwein in ein kleines Glas eingießt, ohne dass es überschwappt (Flasche auf die Schulter legen und dann das Gießen mit dem Griff steuern).

Gegen Ende des Jahres 1978 zogen wir nach Düsseldorf, Moritz und Frank machten ihre Band und das Plattenlabel „atatak“. Ich wusste nicht so recht ... und Ritchie bot mir an, vorübergehend bei ihm zu wohnen. Also stellte ich Sachen unter und zog mit ein paar Sachen, vor allem Anlage und Platten, in den Raum, der später sein Studio wurde. Wir haben Unmengen an Rosé- und Rotwein niedergemacht, nächtelang Musik gehört – Jazz, Punk, moderne Klassik (Strawinsky und anderes) – es war eine tolle Zeit. Wir fuhren zusammen in seinem Auto nach Hamburg zu den Punk-Tagen 1979 in der Markthalle. Er hielt sich da noch mit dem Fotografieren zurück, war aber sehr interessiert an dem Denkansatz, der die Bewegung trug: Selbermachen! Etwas, das er aus seiner Jugend kannte. Auch im Ratinger Hof waren wir zusammen, und da packte es ihn schließlich. Er fing an, das zu machen, was ihn zu einer Legende werden ließ: er fotografierte die Leute. Er war älter, er war anders, er stand innerlich über vielem, was mir teilweise Angst machte. Er stand nächtelang in seiner Dunkelkammer, die im Zwischenbereich zwischen seinem Wohnzimmer und meinem Raum lag und wo auch ich ab und zu arbeiten konnte. Und er brachte die Sachen unters Volk. Er wurde besessen, irgendwie. Toll. So was habe ich immer bewundert.

Ich machte dann Zivildienst, wohnte nicht mehr dort, zog mich aus der Punkszene raus, aber bei Ritchie – oder jetzt ar/gee – schaute ich immer noch gerne vorbei, fotografierte auch seine Mutter für meine Serie mit alten Menschen. Es war entspannter bei ihm als in der Szene, und der Wein ...

Als ich dann in Kassel Fotografie studierte, rief er mich irgendwann an, weil er ein paar Bilder von mir in sein Projekt „Guter Abzug“ aufnehmen wollte, von Konzerten, bei denen er noch nicht am Start war.

Und dann kam irgendwann die Zeit, in der er auch ein paar Sachen produzierte, „No Time Music“ hieß die Sache, die Zeit mit und dann die Trennung von Tommi Stumpff.

Als ich aus Kassel wieder nach Düsseldorf kam, waren wir uns irgendwie etwas fremd geworden. Wie es manchmal so ist. Aber ich habe mich bemüht, immer zu den Austellungen zu gehen, sei es die Ausstellung im BiBaBuZe-Laden in der Aachener Straße, sei die großartige Ausstellung im PostPost, die Gabi Luigs organisiert hatte, oder zuvor die Ausstellung „Zurück zum Beton“ in der Kunsthalle. Ich schritt an den Bilderwänden und Collagen vorbei und stieß auf eine papierne Tischdecke an der Wand, auf der seine und meine Bemerkungen zu einem Thema nebeneinanderstanden. Wie wir es damals öfter gemacht haben. Leider ist das Bild davon verschwunden.

Wir waren häufiger nicht der gleichen Meinung. Aber wir haben uns geachtet. Und ich bin froh, eine Zeitlang sein Freund gewesen zu sein. Danke, Richard!


© Che Seibert, 2022