KZ 36

Bühne des Kommunikationszentrums 36, Berlin 1980 (Ausschnitt)


Foto: © Andreas Heske

KZ36 - zwei kurze Kreuzberger Punk-Sommer 1980/81

Kreuzberg in den späten 70ern/frühen 80ern vor dem Mauerfall lässt sich in keiner Weise mit dem heutigen touristifizierten Rummelplatz und Eigentumsmekka der westdeutschen Immigranten vergleichen.

Damals war der Kiez, wie insbesondere Kreuzberg 36 in der Scene genannt wurde, vorwiegend Heimat von Dropouts, Studenten und Türken, die sich in den Nischen West-Berlins eingerichtet hatten. Ein Stadtteil mit hohem Leerstand im Wohnungs- und Gewerbebereich zog vor allem die mittellosen Jugendlichen sowie die westdeutschen Jungmänner auf der Flucht vor dem Wehrdienst und die arbeitsuchenen Türken in den Bezirk. Die Waldemarstr. war dabei das Zentrum dieser weitgehend Deklassierten. Es gab im Bezirk 36 so gut wie keinen Altbaukomplex, mit seinen verschachtelten Wohn- und Gewerbehöfen, ohne substantiellem Leerstand. In diese Nischen ließen sich die verschiedensten Gruppierungen nieder, indem einfach Leerstand von Hippies, Spontis, KPD/MLern, Studenten und Arbeitslosen umfunktionalisiert wurde. Oh, diese Kreuzberger Freiheit ! Allein in der Waldemarstr. 33, der Heimat des KZ36, gab es gleich 3 besetzte Gewerbelofts von jeweils 500 bis 1000 m². Eine dieser Etagen war unser damaliger Punk Club.

1979 hatte ein linkes Kollektiv in der Berliner TU Mensa ein antifaschistisches Konzert mit der Hannoveraner Punk Band Hansaplast als Headliner organisiert und damit den Anstoß gegeben für desillusionierte Linke (die Studentenbewegung war Geschichte; der gewaltsame Kampf der RAF, der Bewegung 2.Juni und der Revolutionären Zellen implodiert, nach massiver staatlicher Repression; die alten Linken waren zu Dogmatikern des Marxismus-Leninismus verkommen). Punk war der Zündfunke, der neue Impuls für den Ausbruch aus dem Ideologie-Ghetto gemäß Vaneigems Handbuch „Der Lebenskunst der jungen Generation“.

Inspiriert von dem Antifa-Konzert bildete sich schnell eine Gruppe von mehr als 10 Gleichgesinnten, mit ungewöhnlicher Zusammensetzung, die für Punk eine Spielstätte schaffen wollten. Da waren neben Sponti-Kreuzbergern vor allem West-Berliner Vorstadt-Kids aus Gropiusstadt und Marzahn, noch im späten Teenager-Alter, die sich hier zusammentaten.

Die Räumlichkeit für das KZ36 war schnell gefunden, da ein großer Gewerberaum in der Waldemarstr. 33 von ca. 500m² seit längerem leer stand. Innerhalb kurzer Zeit war der große , leere Raum mit einer Bühne versehen, waren die Fenster verbarrikadiert und die Etage als Konzertclub umfunktionalisiert.

Der englische Punk-Boom von 1977/1978 war Ende 1979/Anfang 1980 schon am Abklingen, zudem waren diese UK-Bands wegen ihrer Gagen für das selbstverwaltete KZ36 nicht engagierbar. Von vornherein war folglich klar, dass lediglich deutsche Bands für ein Konzert in Frage kamen. Zudem sollten die Eintrittspreise nur die Kosten decken und deren Höhe sich nach den Kosten für die auftretenden Bands errechnen, also in der Regel der Fahrkostenerstattung. Übernachtungen wurden vom KZ36-Team selbst organisiert. Bei einem niedrigen Eintrittspreis von 3 Mark und 1 Mark für das Bier hatte der Club finanziell beschränkte Spielräume.

Da sämliche engagierte Punk-Bands komplett unbekannt waren, wurden immer 3 Bands für einen Konzertabend zusammengestellt. Headliner gab es nicht ! 90% der Bands kamen aus Norddeutschland und aus dem Ruhrgebiet. Darunter waren Bands wie ZK (die späteren Toten Hosen um Campino), Slime, Razors, Buttocks, Blitzkrieg, Katapult etc. . Sämtliche auftretenden Bands waren noch ohne Plattenveröffentlichung, als sie im KZ36 auftraten , also eigentlich vollkommen unbekannt, und trotzdem war das KZ36 fast immer mit 200 oder mehr Besuchern brechend voll. Dies führte zu der Idee, mit den auftretenden Bands Live-Aufnahmen durchzuführen und als Compilation unter dem Clubnamen zu veröffentlichen. Zwei solcher Vinyl-Compilation kamen so als Ltd. Editions in 1000er Auflage zustande. Beide Vinyl-Scheiben wurden im Eigenvertrieb bei den Konzerten direkt an die Fans verkauft und waren in kürzester Zeit vergriffen und sind heute begehrte Sammelerstücke.

Nach 18 Monaten voller Konzerte im Monatsrhythmus eskalierten die Konflikte mit den dogmatischen Linken in der Nachbarschaft, die den Punk-Besuchern faschistische Tendenzen und Ruhestörung vorwarfen, da sich in den Pausen die Punks auf den diversen Hinterhöfen aufhielten, um Luft zu schnappen, da es im unbelüfteten KZ36 sehr stickig war. Auch innerhalb des Organisationsteams kam es zunehmend zu Spannungen zwischen den Kreuzbergern und den Jung-Punks. Es wurde den Kreuzbergern vorgeworfen, alles im Alleingang durchzuziehen . Die Anfangsenergie und die ursprüngliche Begeisterung sind zunehmend verpufft. Der Spaß wurde zu einem Job, ohne geldliche Honorierung. Und so beschloss man letztlich, das Projekt zu beenden. Ein wesentlicher Faktor war sicherlich auch das Fehlen nachwachsender junger Punkbands; zunehmend musste auf Stammbands zurückgegriffen werden, die bis zu dreimal in der 18-monatigen KZ36-Existenz dort auftraten.


© Karl Walterbach, 2020


KZ 36

Tja ihr Mädels, Jungs und sonstige durchgegenderte Spezialmenschen, ihr könnt jetzt gleich wieder abschalten, wenn ihr einen historisch-analytischen und völlig korrekten Text erwartet, denn eines ist sicher (und das ist nicht die Rente!), der Geist des KZ 36 lebt. Und zu diesem Geist gehörten die Provokation, die Solidarität und der unbedingte Wille, etwas zu tun – und wenn es nur darum ging, den Tag nicht nüchtern verstreichen zu lassen. Ja, damals wurde noch was getan. Das heißt, es gab auch noch den nötigen Platz dazu, was zu tun, weil das schöne, heile, durchmodernisierte Kreuzberg damals nämlich ein Haufen kaputter Wohnhäuser war, meist ohne Bad, Außentoilette und Ofenheizung, und man einfach „irgendwo“ reinging und einen Platz besetzte. Das war im Spätherbst 1979.

Das Antifaschistische Festival stand vor der Tür. In Berlin gab es schon eine lockere Punkszene – in Kreuzberg waren die politisch schon kampferprobten Veteranen am Start, in der Gropiusstadt, einer Trabantenstadt im Süden von Berlin, eher die Kids, zu der euer Autor auch gehörte. Ein bisschen Spandau und Restberlin. Es gab wenige kommerzielle Treffpunkte und nichts Autonomes, vielleicht noch das Drugstore in Schöneberg. Bei der Vorbereitung des Antifa-Festivals kamen die verschiedenen Grüppchen zusammen und stellten ein amtliches Festival mit dazugehöriger Demo auf die Beine. Es blieb am Ende sogar etwas Geld übrig, ich erinnere mich an ca. 800,- DM.

Nun stellte sich die Frage, was nach dieser erfolgreichen Aktion weiter werden sollte. Ein unkommerzieller Treffpunkt sollte her – für die Punkszene und alle kritischen Geister. Ein Objekt wurde ausgespäht und zügig nach dem Festival in Beschlag genommen. Adresse: 1000 Berlin 36, Waldemarstr. 33, 3. Hof, 1. Stock.

Eine komplett runtergerockte Fabriketage, kaputte Böden, kaputte Toiletten, alles kaputt. Aber alle waren gut drauf, Baumaterial fand sich oft am Straßenrand und was nicht zu finden war, wurde zur Not gekauft. Den Boden zu gießen war eine üble Plackerei, die Toiletten standen irgendwann zwar, liefen aber sehr gerne über. Es zeichnete sich schon ab, dass von der relativ großen Gruppe von ca. 30 Aktiven einige aktiver als andere waren, aber egal, die Idee riss uns mit. Ach ja, der Name KZ 36 – dass wir nichts mit Faschisten am Hut hatten und keine Fans von Konzentrationslagern waren, sollte klar sein. KZ stand für Kommunikationszentrum, 36 für den Postbezirk – KZ 36. Für den einen oder anderen linken Spießer war das schon ein Problem. Guter Name!

Und am 03. Mai 1980 war es dann tatsächlich soweit, Eröffnung! Ein altes Revox-4-Spur-Tonband wurde aufgetrieben und der ganze Spaß mitgeschnitten und auf Vinyl gepresst. Es entstand der KZ 36 I Sampler in einer Auflage von 1000 Stück. Ein Träumchen!

Nun fiel das alles natürlich nicht vom Himmel. Es gab ein regelmäßiges Treffen der Aktiven, die sich nach dem Antifa-Festival überwiegend aus Vertretern der lokalen Bands zusammensetzten. Und es gab rund um das KZ einen Haufen Zeug zu organisieren – Bier einkaufen, Bands organisieren (wobei das eher kein wirkliches Problem darstellte, so viele Veranstaltungsorte für Punkmusik gab es in Deutschland nicht), Plakate entwerfen, drucken und aushängen, Thekendienst, Abrechnung, den Müll zusammenfegen (ein Geschepper ... war ja alles Dosenbier), Anlage auf- und abbauen, Toiletten putzen, Kotze wegwischen, Hof aufräumen ... Der Hof bzw. die Höfe sollte(n) sich zu einem der Endgegner des KZ entwickeln.

Das KZ 36 war ein unabhängiger, unkommerzieller Treffpunkt für die Punkszene und alle undogmatischen Querköpfe. Das Dosenbier kostete 1,- DM, der Eintrittspreis für Konzerte nicht mehr als maximal 5,- DM, in der Regel für zwei bis drei Bands. Klubmitglieder waren mit 3,- DM dabei. Eine Mark pro Band, klang fair – war fair! Dabeisein war alles, Gagen gab es nicht. Die Bands erhielten Fahrtkosten, untergebracht wurden sie in der Regel bei den einheimischen Punks. Die Anlage stellte in der Regel eine lokale Band. Zum Auftritt gab es 2 Paletten Dosenbier und ab ging die wilde Fahrt!

Für die Homis und zum Inventar gehörenden Dauergäste gab es die KZ- Klubkarte. Sie kostete, keine Ahnung, ich glaube 5,- DM, und berechtigte zum noch preiswerteren Eintritt. Hintergrund war, sich etwas unabhängiger von den Konzerten zu machen und vielleicht mal die eine oder andere Anschaffung zu Gunsten des KZ zu tätigen. Die Klubkarte galt auch für KZ-Konzerte, die ins SO 36 ausgelagert wurden, wenn wir mit größerem Andrang rechnen mussten, wie z.B. im März 81 bei den Sods aus Dänemark, supported von den Berlinern X-toc-1 und den Nicoteens aus München.

Im April 1981 erschien der KZ 36 II Sampler, ebenfalls in einer 1000er Auflage, mit den Berliner Bands Stromsperre, Rucki Zucki Stimmungskapelle, Actosin Pervers, Beton Combo, Gegenwind, Vitamin A, Kaiserschnitt, X-toc-1 und Reflex. Das dazu passende Release-Konzert fand am 04. April 1981 statt. Der Sampler wurde im Studio aufgenommen. Ich erinnere mich nicht daran, wo die Kohle herkam – eventuell aus Rücklagen der Konzerteinnahmen bzw. dem Getränkeverkauf. Kann man sich zwar kaum vorstellen, aber es blieb tatsächlich etwas übrig.

Im Folgenden eine halbwegs vollständige Zusammenstellung der KZ-Konzerte:

03.05.1980

KZ 36

Ätztussis, Blitzkrieg, Beton Combo, Kondensators


17.05.1980

KZ 36

Slime, Razors (für sagenhafte 2,- DM!)

02.06.1980

KZ 36

Katapult, Absturz, Destrüktiw Komandöh

(Dieses Konzert wurde von den „älteren“ linken Gruppen organisiert. Für diese Veranstaltung wurde das KZ Kreuzberger Kommunikations-Centrum genannt!)

14.06.1980

KZ 36

Vitamin A, Offensive Herbst 78, Sciantos (I)

16.06.1980

KZ 36

Ätztussis Geburtstagsfete

28.06.1980

KZ 36

Reflex, Spray (ÖS)

13.09.1980

KZ 36

V2, LKH

20.09.1980

KZ 36

Reflex, Leichenlust, Vitamin A, Beton Combo, Stromsperre, Gegenwind, Actosin Pervers, Kaiserschnitt, Powlak, X-toc-1

27.09.1980

KZ 36

Störtrupp, Scum

04.10.1980

KZ 36

Clox, Hass, Facharbeiter 08

11.10.1980

KZ 36

Buttocks, ZK

18.10.1980

KZ 36

Workmates (NL), The Ex (NL)

24.10.1980

KZ 36

Vitamin A, Bärchen und die Milchbubis, Hans-A-Plast

01.11.1980

KZ 36

X-toc-1, Aheads, Blitzkrieg

14.11.1980

KZ 36

Festival Aggressiver Musik mit Slime, Cheap'n Nasty (NL), Stromsperre, Zoundz (UK)

15.11.1980

KZ im SO 36

Festival Aggressiver Musik mit TNT (CH), Vopo's (NL), Beton Combo, Hass, Zoundz (UK), ZK

31.01.1981

KZ 36

Crazy (CH), U.K. Decay (UK)

07.02.1981

KZ 36

Aheads, Hass, Razors, Suicides

21.02.1981

KZ 36

Soilent Green, Middle Class Fantasies, Störtrupp

28.02.1981

KZ im SO 36

Daily Terror, Slime, Nixe (NL), Lullabies (NL)

21.03.1981

KZ im SO 36

Sods (DK), X-toc-1, Nicoteens

04.04.1981

KZ 36

Reflex, Vitamin A, Beton Combo, Stromsperre, Rucki Zucki Stimmungskapelle, Gegenwind, Actosin Pervers, X-toc-1

18.09.1981

KZ im SO 36

Blitzkrieg, Klischee, 39 Clocks, Crash

26.09.1981

KZ im SO 36

Nichts, ZK, Stille Hoffnung

Alles hat ein Ende …

Nach der großen Euphorie im Nachgang des Antifaschistischen Festivals, dem Aufbau des KZ 36 und dem darauffolgenden laufenden Betrieb zeichnete sich ein leider oft anzutreffendes Bild ab. Es wurden immer weniger Leute, die Verantwortung im Sinne von Ideen und persönlichem körperlichen Einsatz zeigten. Immer mehr Arbeit lastete auf immer weniger Schultern.

Und klar, es war nicht schön, den Dreck der anderen wegzumachen. Dazu kamen die eskalierenden Konflikte mit den „alten Linken“, die am Anfang den Elan der jungen Punks noch ganz witzig fanden, aber mit der Zeit immer allergischer auf den Lärm und den Dreck im Hof reagierten. Auch die Rocker aus dem 2. Hof wurden nie wirklich unsere Freunde. Nachdem im April 1981 der zweite KZ-Sampler veröffentlicht und das Release-Konzert absolviert war, zerstreuten sich die meisten Punks und das KZ stellte seinen Live-Betrieb ein.

Fazit: Es war eine schöne und lehrreiche Zeit. Dank an alle, die an der Idee und Umsetzung mitgewirkt haben. Mit den beiden KZ-Samplern gibt es echte Monumente der Berliner Punkszene. Ein besonderer Dank geht von meiner Seite an Karl Walterbach. Er war das Bindeglied zu der alten Kreuzberger Punk- und Anarchoszene. Er war ein gutes Stück älter und hatte deutlich mehr Erfahrung in allem. Ohne ihn wäre das sicher so nicht gelaufen.

Heske

KZ-Orden in Gold

Verdienter Held der Beton Combo


© Andreas Heske, 2020